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F. N.

Erinnern zur Gedenkstunde am 15. April 2013 in Altenburg

Bei einer Gedenkstunde am Montag, den 15. April, legten auf dem ehemaligen Gelände der HASAG, Dr. Birgit Klaubert (MdL), Harald Stegmann (Linke-Stadtfraktion ABG) und Kati Klaubert (Linke-Kreisfraktion ABG-Land) gemeinsam Blumen nieder. Mit dieser Geste soll den Fremd- und Zwangsarbeitern, den KZ-Häftlingen und den Kriegsgefangenen gedacht werden, die bis zum Beginn der Evakuierung am 12. April 1945 in diesem KZ-Außenlager von Buchenwald gelitten haben und gestorben sind. Zuvor hielt Birgit Klaubert folgende bewegende Rede:

 

Am 11. April 1945 wurde das Konzentrationslager Buchenwald befreit. Auf die Uhrzeit 15.15 Uhr weist heute noch die Uhr am Eingang des Konzentrationslagers hin, immer.

Um 15.15 Uhr am 11. April versammelten sich auch in diesem Jahr viele Menschen, um über das Gelände der Gedenkstätte zu gehen und an den unterschiedlichen Orten kurze Texte zu hören und weiße und rote Rosen niederzulegen. In diesem Jahr schien die Sonne, wie heute und wie an dem Tag, an dem das Konzentrationslager befreit wurde. Das ist selten auf dem Ettersberg und es passt so gar nicht zur Düsternis der Lager. Am ehemaligen Appellplatz wurde das Buchenwaldlied eingespielt, der Anfang jedenfalls. Und als die Musik abbrach, sangen zwei Häftlinge im Rollstuhl ganz einfach weiter, einer mit besonders lauter Stimme. Vereinbart war, dass die Überlebenden den Gedenkrundgang mit uns nicht absolvieren müssen. Die Wege waren aufgeweicht, sie sind steinig und waren nach dem langen Winter schwer begehbar. Die ehemaligen Häftlinge ließen sich nicht zurückhalten, gingen gemeinsam mit den Nachgeborenen die große Runde vom Appellplatz bis hinab zum sogenannten Kleinen Lager und wieder hinauf zum Krematorium. Begleitet wurden sie von jungen Menschen aus verschiedenen Ländern. Ein Fotograf achtete sorgsam darauf, Porträtfotos anzufertigen.

In der Gedenkstätte Nordhausen-Dora wurde in diesem Jahr eine Ausstellung eröffnet, die Zeichnungen vom „Alltag“ im Lager zeigte. Die Zeichnungen galten fast 70 Jahre als verschollen, sie stammen vom französischen Oberst Camille Delétang (1886-1969). Dieser gehörte zu den ersten Häftlingen, die im September 1944 in das neu errichtete Lager Holzen bei Eschershausen deportiert wurden, in welchem er Zwangsarbeit zu leisten hatte. Delétang zeichnete unter anderem 130 Porträts seiner Mitgefangenen, von denen ein Großteil die Deportation nicht überlebte. Die Zeichnungen sind heute letzte Lebenszeichen. Die Gedenkstätte möchte versuchen, den Familien diese Porträts wieder zugänglich zu machen.

Und in diesem Jahr stand die Gedenkveranstaltung im Lager Mittelbau-Dora unter dem Thema „Widerstand im Lager“, Widerstand, um zu überleben und sich Würde zu bewahren.

Noch können wir die Geschichten aus den Mündern der Überlebenden hören, doch in naher Zukunft wird das nicht mehr möglich sein.

Wir stehen heute nicht in Buchenwald, nicht in Nordhausen-Dora, sondern in unserer Heimatstadt Altenburg.

Hier befanden sich Lager, die zur Topografie des Schreckens der Konzentrationslager hinzugehören, obwohl das lange Zeit wenig bekannt und verdrängt wurde.

Die Hugo und Alfred Schneider AG war ein deutsches Unternehmen, das seit 1933 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges als Rüstungsbetrieb für die Wehrmacht unter anderem Munition produzierte. Auch im Zweigwerk Altenburg wurden dafür nach Ausbruch des Krieges Fremd- und Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene unter unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit gezwungen.

Ihrer, die bis zum Beginn der Evakuierung am 12. April 1945 in diesem KZ-Außenlager von Buchenwald gelitten haben und gestorben sind, gedenken wir heute.

Wir hatten auch schon die Gelegenheit, mit Frauen, die als Zwangsarbeiterinnen hier waren und das Lager überlebten, sprechen zu können.

Und wir merken am und im Lauf der Zeit, dass irgendwann niemand mehr authentisch berichten kann. Die Geschichte gerät in die Gefahr des Vergessens oder des eher sterilen Erinnerns. Die Emotionalität des Erinnerns verliert an Kraft.

Doch die Fragen:

Was ist passiert?

Wie konnte es geschehen?

Wie hätte ich mich verhalten? bleiben aktueller denn je.

Theodor Adorno schreibt in seinem Aufsatz „Erziehung nach Auschwitz“:

„Man muß die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, daß sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, daß sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewußtsein jener Mechanismen erweckt… Erziehung wäre sinnvoll überhaupt nur als eine zu kritischer Selbstreflexion.“

Das dürfte der Auftrag an uns Nachgeborene sein: das kritische Hinterfragen des eigenen Tuns. Wir sind es den Opfern und Überlebenden schuldig, im Sinne unserer eigenen Würde.


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Martin Schirdewan
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martin.schirdewan@ep.europa.eu